Unsere Studenten

Dank großartiger Hilfe können wir einigen Studenten helfen, etwas aus ihrem Leben zu machen und sie von dem Gedanken abhalten, backway durch die Wüste nach Libyen zu gehen. Leider ist Bildung immer noch sehr teuer in Gambia. Daher brauchen wir weiterhin eure Hilfe. Im Folgenden werde ich euch jetzt 4 Studenten und ihre Ausbildungswünsche vorstellen.

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Auf der Suche nach Individualität

„Das größte Streben des Menschen ist der tiefe Wunsch nach Anerkennung.“

William James

Beeindruckt von diesem Satz glaube ich , dass die meisten Menschen, wenn nicht unbedingt Anerkennung dann doch zu mindest Aufmerksamkeit möchten.

In Ländern wie Gambia, das in Großfamilien organisiert ist, gibt es vergleichsweise eher wenig Nachnamen. Auch die Vornamen sind nicht so vielfältig. Sie orientieren sich vorzugsweise an den großen Persönlichkeiten des Islams, und speziell der Prophetenfamilie.

Nun stell dir einmal vor, du bist ein Mädchen in einer gambischen Highschool. Du trägst eine Uniform, weil das aus der britischen Kolonialzeit  noch übrig geblieben ist. Wenn du also die Schule betrittst, sehen alle so aus wie du. Du gehst in deine Klasse, jemand ruft deinen Namen „Fatou“ und 5 Mädchen drehen sich um. Im Klassenverzeichnis gibt es dann fast jeden Nachnamen mindestens doppelt.

Kein Wunder, dass einige der Mädchen nun auf jeden Fall irgendwie auffallen und aus der Rolle fallen wollen. (Interessant: 2x fallen, was das nun wieder zu bedeuten hat?)

Um dieser Namensgleichheit entgegenzuwirken, geben sich die Schüler Spitznamen. Manchmal sind es die Initialen, manchmal Abkürzungen, häufig auch Namen von Promis. Um dann nicht in Vergessenheit zu raten, schreiben sie dann an die Wände der Klasse zum Beispiel „Remember FC“. Traurig, wenn das die einzige Möglichkeit ist, in Erinnerung zu bleiben.

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Ein Land an der Nabelschnur Europas

Es war zum Ramadanfest 2015, als ich bei Western Union saß und auf eine Überweisung für die Bullen aus Deutschland wartete. Obwohl es angekündigt war, hatte der Geldwechsler nicht genug Dalasi vorrätig. So mussten wir eine Weile Platz nehmen und warten. Was dann passierte, hat mir ein Stück weit die Augen geöffnet.

Western Union – mehr als ein Geldwechsler

Eine Schwangere nach der anderen kam herein und holte das von ihrem Mann geschickte Geld aus dem Ausland ab. Es waren insgesamt fünf Frauen in den 20 Minuten, die wir dort saßen. Auch einige ältere Frauen kamen, die holten dann wohl das Geld ihrer Söhne dort ab. In mir kam sofort das Bild hoch, wie abhängig doch die Afrikaner von Europa sind. Wie ein Baby, das an der Nabelschnur der Mutter hängt. Kein Wunder, dass es hier bislang keine tiefgreifenden Programme gibt, die elendige Massenflucht zu beenden, denn mittlerweile leben viele Familien von den Dollars oder Euros aus Übersee.

Das Rentensystem in Gambia: Die Söhne ernähren die Eltern

Das ist auch der Hauptgrund, warum es so viele nach Europa zieht. Es ist nach wie vor die Pflicht eine Sohnes, seine Eltern und seine eigene kleine Familie zu ernähren. Doch da kommen wir schon zum nächsten Problem. Wie eine Familie gründen, wenn der Brautpreis laut Tradition so hoch angesetzt wird, dass es für einen jungen Mann kaum noch möglich ist, ihn aufzubringen? Mit der Festsetzung eines Brautpreises legen die Eltern quasi schon fest, ob der Zukünftige ein Gambianer aus der Heimat oder ein „Semester“ aus Übersee ist.

In Gambia gibt es keine Arbeit

Eine andere Behauptung ist, es gäbe keine Arbeit. Fakt ist aber, wer fleißig und zuverlässig ist, bekommt auch Arbeit. Leider wollen nicht viele Gambianer Lehrer werden. Einheimische Lehrer können an den Fingern abgezählt werden. Die meisten Lehrer kommen aus Sierra Leone, Ghana und Nigeria. Doch auch für die, die kein Abitur haben, gibt es Möglichkeiten. Da in Gambia vieles noch in Handarbeit gefertigt wird, boomt das Handwerk. Doch sowohl der Lehrerberuf als auch als Handwerker benötigen sie eine Ausbildung, die viele sich nicht leisten können.

Gute Tischler, Fensterbauer, Fliesenleger, Elektriker, Installateure sind rar. Die sich für einen Handwerksberuf entschieden haben und sich eine Ausbildung leisten konnten, sind ausgebucht und nur schwer zu bekommen. Doch wir beobachten immer wieder, dass viele der jungen Männer bis 30 weder Verantwortung übernehmen noch hart arbeiten wollen.

Stattdessen lieben sie es, dir tausend Gründe zu erzählen, warum diese oder jene Arbeit nichts für sie sei. Wir suchen beispielsweise gerade eine Sekretärin mit Computerkenntnissen, finden aber leider keine. Auch wenn wir jemanden für die Gartenarbeit suchen, möchte sich niemand wirklich die Hände schmutzig machen. Da ist es doch viel einfacher von Haus zu Haus zu gehen und die Verwandten um Unterstützung zu bitten.

Doch es gibt eine bzw die ausschlaggebende Begründung, dass der Grund des Weggehens nicht Armut ist. Es ist die Tatsache, dass die jungen Männer für die Reise und die Schlepper etwa 4000€ ausgegeben müssen. Das sind etwa 5 Jahresgehälter eines Lehrers. Wer dieses Geld zur Verfügung hat, könnte sich einen kleinen Supermarkt einrichten und hätte bis an sein Lebensende ausgesorgt, könnte leicht eine ganze Großfamilie davon ernähren, heiraten und hätte ein schönes Leben. Auch ist Gambia weder von einem Krieg noch von Naturkatastrophen bedroht. Der Grund muss also ein anderer sein. Nach mehrstündigen Gesprächen mit einem Familienmitglied, der das Abenteuer Europa leider nicht überlebt hat, komme ich zu dem Schluss nach Europa auszuwandern ist ein Virus. Einmal in ihren Kopf gepflanzt, gibt es kein zurück mehr.

Oft hören wir von Freunden und Bekannten, dass ihre Söhne es geschafft haben oder auch nicht. Statistisch gesehen verlassen jedes Jahr von Gambia ebensoviele junge Menschen (9000 Stand 2016) das Land wie aus Nigeria. Obwohl Gambia als kleinstes Land nur 1,6 Mio Einwohner hat und Nigeria 160 Mio.

Dieses Phänomen verdient ernsthafte Aufmerksamkeit, denn nur mit dem Armutsslogan zu argumentieren ist zu billig. Die jungen Männer bräuchten dringend bezahlbare Ausbildungsplätze oder Universitätsplätze und Schwiegereltern, die gemäß ihrer Religion das Brautgeld der Tochter zubilligen und nicht einen großen Verdienst dabei herausschlagen wollen. Bei einigen Ethnien in Gambia ist es traditionell üblich, dass die Eltern noch einmal das gleiche Brautgeld bekommen wie die Tochter. Die Mädchen werden quasi „verkauft“. Um dem allen zu entfliehen, suchen sich die Jungen ihren Weg nach Europa, nicht wissend, was sie dort erwartet. Gerade letzte Woche ist ein Flugzeug mit abgeschobenen Gambianern angekommen.

Gehälter vs Lebensmittelpreise

Eine andere Tatsache, die Familien das Überleben erschwert, ist das Verhältnis zwischen den Gehältern und den Lebensmittelpreisen. Ein Lehrer verdient beispielsweise etwa 60€ im Monat, die Lebensmittelpreise sind aber mit denen in Deutschland vergleichbar. Ein Kilo Fleisch über 5€, ein Kilo Tomaten oder Zwiebeln 1€, ein Sack Reis (ein Muss für jede Familie pro Monat) ca 25-30€. Eine adäquate Wertschätzung eines akademischen Berufes und eine entsprechende Preiskontrolle könnten auch hier helfen die Familienhaushalte zu stabilisieren. Die Besitzer der Privatschulen, und von denen gibt es mehr als von den staatlichen,  rufen enorm hohe Schulgebühren auf. Im Schnitt können nur etwa 6 Schüler einer Klasse, und die sind oft bis 60 Schüler groß, das Schulgeld aus eigener Kraft bezahlen. Viele andere benötigen Sponsoren.

Ein erster richtiger Schritt ist bereits getan. Einige staatliche Schulen (noch sind es unter 10) sind nun frei von Schulgebühren. Eine Erleichterung für die Eltern und eine Chance, dass es doch mehr Schüler zum Abitur schaffen, doch auch die 50€ pro Jahr für zwei Uniformen und die Bücher können viele Eltern nicht aufbringen.

Eine weitere Neuerung ist ein Unistipendium, das Schüler bekommen können, die alle 9 Schulfächer mit einer Note zwischen 1-3 abgeschlossen haben. Bisher ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ausbaufähig.

Was können wir tun?

Wir als Verein helfen dort, wo unserer Meinung am meisten Hilfe gebraucht wird. Wir verteilen Essen an die Bedürftigsten, helfen gelegentlich mit Schulgebühren aus, oder bezahlen einzelnen Schülern den Transport zur Schule oder das Frühstück. Für eine eigenen gebührenfreie Schule sammeln wir noch Gelder, und demnächst, so Gott will, richten wir eine Nähwerkstatt mit 10 Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätzen ein. Ein anderer Schwerpunkt in unserem Projekt ist die Unterstützung von Witwen mit Startup-Programmen und Desastermanagement (HIlfe bei abgebrannten Häusern, medizinischen Problemen etc). In allen diesen Bereichen geht es ohne die Hilfe aus dem Ausland nicht.

Es gibt viel zu tun in Gambia, packen wir es an. Vielleicht könnten wir ja ein Stück dazu beitragen, dass künftig weniger junge Männer das Land verlassen, weil es in ihrem Land wieder lebenswerter wird, und sie vielleicht in ferner Zukunft mal auf eigenen Beinen stehen können.

Mehr zu diesem Thema in dem Artikel „Armut, Schicksal oder Absicht?“