Kümmern wir uns?

Vielleicht klingt dieser Titel etwas seltsam. Aber hier in Gambia verrutschen unsere  Sichtweisen auf bestimmte Dinge mitunter.

Stellt euch folgende Situation vor: Du hast gerade dein letztes Examen im Abitur geschrieben, möchtest erst einmal durchatmen und zur Ruhe kommen nach all dem vielen Lernen und dich neu ordnen. Nun stellst du fest, dass es auf Grund unendlich vieler Bestimmungen und Regeln nicht so einfach ist deinen Traumberuf zu erlernen. Du beschäftigst dich also wochenlang damit, irgendwie an deiner Zukunft zu arbeiten. Was geht mit welchem Zeugnis und warum, besser warum nicht, du recherchierst bis der Computer qualmt, läufst Wege bis zur Erschöpfung, um vielleicht doch noch den einen wichtigen Stempel oder diese oder jede Beglaubigung zu bekommen.

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Armut! Schicksal oder Absicht?

Eine junge Dame in Deutschland, die demnächst ihre Abi-Klausur in Politikwissenschaft schreibt, stellte mir kürzlich ein paar Fragen zur Entwicklungshilfe, die mich auf die Idee zu diesem Artikel gebracht haben, den ich über ihre Fragen hinaus noch erweitert habe.

Was ist eigentlich Armut?

Ball mit Loch

Die Weltbank definiert Armut mit einem Dollarbetrag von 1,25 USD pro Tag und Person. Das ist mehr als so mancher Arbeiter in Gambia verdient. Stellen wir uns weiterhin vor, dass jemand in Deutschland diesen Betrag zur Verfügung hätte, damit würde er definitiv nicht überleben. Armut über einen Geldbetrag zu definieren finde ich daher fragwürdig. Die Kinder auf dem Bild oben kommen aus einem Dorf in Gambia. In dem ganzen Dorf gibt es zwei Wasserhähne, von denen einer jetzt gerade geschlossen wurde. Das einzige Spielzeug aller Kinder im Dorf ist ein Ball mit einem Loch. Und dennoch freuen sie sich über ihren Ball mehr als unsere Kinder, über ein neues iPhone. Dass diese Kinder im Herzen nicht arm sind, sieht man wohl auf dem Bild. Eine der Bewohnerinnen dieses Dorfes zeigte mir einmal ihr Mittagessen, das sie zubereiten wollte. Es war eine Mango, ein Maggiwürfel und eine Pfefferschote. Das nenne ich Armut. Bei unserem nächsten Besuch brachte ich ihr einen Sack Reis mit. Sie hat sich vor Freude in den Sand geworfen. So ein großes Geschenk hätte sie noch nie bekommen, sagte sie später. Ich war zu Tränen gerührt und denke noch oft an diese Moment. Schlau, wenn sich diese Leute, dann einen kleinen Garten anlegen, um wenigstens immer Gemüse zu haben. 

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Ein Land an der Nabelschnur Europas

Es war zum Ramadanfest 2015, als ich bei Western Union saß und auf eine Überweisung für die Bullen aus Deutschland wartete. Obwohl es angekündigt war, hatte der Geldwechsler nicht genug Dalasi vorrätig. So mussten wir eine Weile Platz nehmen und warten. Was dann passierte, hat mir ein Stück weit die Augen geöffnet.

Western Union – mehr als ein Geldwechsler

Eine Schwangere nach der anderen kam herein und holte das von ihrem Mann geschickte Geld aus dem Ausland ab. Es waren insgesamt fünf Frauen in den 20 Minuten, die wir dort saßen. Auch einige ältere Frauen kamen, die holten dann wohl das Geld ihrer Söhne dort ab. In mir kam sofort das Bild hoch, wie abhängig doch die Afrikaner von Europa sind. Wie ein Baby, das an der Nabelschnur der Mutter hängt. Kein Wunder, dass es hier bislang keine tiefgreifenden Programme gibt, die elendige Massenflucht zu beenden, denn mittlerweile leben viele Familien von den Dollars oder Euros aus Übersee.

Das Rentensystem in Gambia: Die Söhne ernähren die Eltern

Das ist auch der Hauptgrund, warum es so viele nach Europa zieht. Es ist nach wie vor die Pflicht eine Sohnes, seine Eltern und seine eigene kleine Familie zu ernähren. Doch da kommen wir schon zum nächsten Problem. Wie eine Familie gründen, wenn der Brautpreis laut Tradition so hoch angesetzt wird, dass es für einen jungen Mann kaum noch möglich ist, ihn aufzubringen? Mit der Festsetzung eines Brautpreises legen die Eltern quasi schon fest, ob der Zukünftige ein Gambianer aus der Heimat oder ein „Semester“ aus Übersee ist.

In Gambia gibt es keine Arbeit

Eine andere Behauptung ist, es gäbe keine Arbeit. Fakt ist aber, wer fleißig und zuverlässig ist, bekommt auch Arbeit. Leider wollen nicht viele Gambianer Lehrer werden. Einheimische Lehrer können an den Fingern abgezählt werden. Die meisten Lehrer kommen aus Sierra Leone, Ghana und Nigeria. Doch auch für die, die kein Abitur haben, gibt es Möglichkeiten. Da in Gambia vieles noch in Handarbeit gefertigt wird, boomt das Handwerk. Doch sowohl der Lehrerberuf als auch als Handwerker benötigen sie eine Ausbildung, die viele sich nicht leisten können.

Gute Tischler, Fensterbauer, Fliesenleger, Elektriker, Installateure sind rar. Die sich für einen Handwerksberuf entschieden haben und sich eine Ausbildung leisten konnten, sind ausgebucht und nur schwer zu bekommen. Doch wir beobachten immer wieder, dass viele der jungen Männer bis 30 weder Verantwortung übernehmen noch hart arbeiten wollen.

Stattdessen lieben sie es, dir tausend Gründe zu erzählen, warum diese oder jene Arbeit nichts für sie sei. Wir suchen beispielsweise gerade eine Sekretärin mit Computerkenntnissen, finden aber leider keine. Auch wenn wir jemanden für die Gartenarbeit suchen, möchte sich niemand wirklich die Hände schmutzig machen. Da ist es doch viel einfacher von Haus zu Haus zu gehen und die Verwandten um Unterstützung zu bitten.

Doch es gibt eine bzw die ausschlaggebende Begründung, dass der Grund des Weggehens nicht Armut ist. Es ist die Tatsache, dass die jungen Männer für die Reise und die Schlepper etwa 4000€ ausgegeben müssen. Das sind etwa 5 Jahresgehälter eines Lehrers. Wer dieses Geld zur Verfügung hat, könnte sich einen kleinen Supermarkt einrichten und hätte bis an sein Lebensende ausgesorgt, könnte leicht eine ganze Großfamilie davon ernähren, heiraten und hätte ein schönes Leben. Auch ist Gambia weder von einem Krieg noch von Naturkatastrophen bedroht. Der Grund muss also ein anderer sein. Nach mehrstündigen Gesprächen mit einem Familienmitglied, der das Abenteuer Europa leider nicht überlebt hat, komme ich zu dem Schluss nach Europa auszuwandern ist ein Virus. Einmal in ihren Kopf gepflanzt, gibt es kein zurück mehr.

Oft hören wir von Freunden und Bekannten, dass ihre Söhne es geschafft haben oder auch nicht. Statistisch gesehen verlassen jedes Jahr von Gambia ebensoviele junge Menschen (9000 Stand 2016) das Land wie aus Nigeria. Obwohl Gambia als kleinstes Land nur 1,6 Mio Einwohner hat und Nigeria 160 Mio.

Dieses Phänomen verdient ernsthafte Aufmerksamkeit, denn nur mit dem Armutsslogan zu argumentieren ist zu billig. Die jungen Männer bräuchten dringend bezahlbare Ausbildungsplätze oder Universitätsplätze und Schwiegereltern, die gemäß ihrer Religion das Brautgeld der Tochter zubilligen und nicht einen großen Verdienst dabei herausschlagen wollen. Bei einigen Ethnien in Gambia ist es traditionell üblich, dass die Eltern noch einmal das gleiche Brautgeld bekommen wie die Tochter. Die Mädchen werden quasi „verkauft“. Um dem allen zu entfliehen, suchen sich die Jungen ihren Weg nach Europa, nicht wissend, was sie dort erwartet. Gerade letzte Woche ist ein Flugzeug mit abgeschobenen Gambianern angekommen.

Gehälter vs Lebensmittelpreise

Eine andere Tatsache, die Familien das Überleben erschwert, ist das Verhältnis zwischen den Gehältern und den Lebensmittelpreisen. Ein Lehrer verdient beispielsweise etwa 60€ im Monat, die Lebensmittelpreise sind aber mit denen in Deutschland vergleichbar. Ein Kilo Fleisch über 5€, ein Kilo Tomaten oder Zwiebeln 1€, ein Sack Reis (ein Muss für jede Familie pro Monat) ca 25-30€. Eine adäquate Wertschätzung eines akademischen Berufes und eine entsprechende Preiskontrolle könnten auch hier helfen die Familienhaushalte zu stabilisieren. Die Besitzer der Privatschulen, und von denen gibt es mehr als von den staatlichen,  rufen enorm hohe Schulgebühren auf. Im Schnitt können nur etwa 6 Schüler einer Klasse, und die sind oft bis 60 Schüler groß, das Schulgeld aus eigener Kraft bezahlen. Viele andere benötigen Sponsoren.

Ein erster richtiger Schritt ist bereits getan. Einige staatliche Schulen (noch sind es unter 10) sind nun frei von Schulgebühren. Eine Erleichterung für die Eltern und eine Chance, dass es doch mehr Schüler zum Abitur schaffen, doch auch die 50€ pro Jahr für zwei Uniformen und die Bücher können viele Eltern nicht aufbringen.

Eine weitere Neuerung ist ein Unistipendium, das Schüler bekommen können, die alle 9 Schulfächer mit einer Note zwischen 1-3 abgeschlossen haben. Bisher ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ausbaufähig.

Was können wir tun?

Wir als Verein helfen dort, wo unserer Meinung am meisten Hilfe gebraucht wird. Wir verteilen Essen an die Bedürftigsten, helfen gelegentlich mit Schulgebühren aus, oder bezahlen einzelnen Schülern den Transport zur Schule oder das Frühstück. Für eine eigenen gebührenfreie Schule sammeln wir noch Gelder, und demnächst, so Gott will, richten wir eine Nähwerkstatt mit 10 Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätzen ein. Ein anderer Schwerpunkt in unserem Projekt ist die Unterstützung von Witwen mit Startup-Programmen und Desastermanagement (HIlfe bei abgebrannten Häusern, medizinischen Problemen etc). In allen diesen Bereichen geht es ohne die Hilfe aus dem Ausland nicht.

Es gibt viel zu tun in Gambia, packen wir es an. Vielleicht könnten wir ja ein Stück dazu beitragen, dass künftig weniger junge Männer das Land verlassen, weil es in ihrem Land wieder lebenswerter wird, und sie vielleicht in ferner Zukunft mal auf eigenen Beinen stehen können.

Mehr zu diesem Thema in dem Artikel „Armut, Schicksal oder Absicht?“

Glück ist, wenn man trotzdem lacht!

Das ist natürlich etwas einfach ausgedrückt. Aber hast du es schon einmal erlebt, ein Glücks- und Dankbarkeitsgefühl für deine aktuelle Situation zu haben? Es ist ein fast berauschendes Gefühl der Zufriedenheit, wenn alles, so wie es ist, gut ist. Nichts, außer das tägliche Brot wird mehr benötigt, und das eigene Streben kann sich einzig auf die Taten beziehen, die dich Gott und dem Hereafter näher bringen. Dabei spreche ich nicht von einem Aufenthalt in Deutschland, einem Land, in dem es immer fließend Wasser, Strom und ausreichend Essen gibt. Nein, es handelt sich um den Aufenthalt in einem sogenannten Entwicklungsland, das sich, so der Wortlaut, ja erst noch entwickeln muss. Zufrieden zu sein, wenn es kein Strom gibt. Zufrieden zu sein, wenn es länger mal kein Wasser gibt. Dafür aber auch zu erkennen, dass täglich die Sonne scheint, und  dass du nur zum nächsten Baum gehen brauchst, um Bananen und Mangos satt zu haben. 

Im Mangel eine Lebensqualität zu sehen, scheint mir eine Aufgabe, die die einen unfreiwillig machen müssen, andere vielleicht freiwillig einmal tun sollten, um sich wirklich reich zu fühlen. Reich sein im herkömmlichen Sinne erfordert auch eine enorme Aufmerksamkeit auf die erworbenen Dinge. Sie müssen gehegt und gepflegt, gelagert  und geputzt werden. Wir brauchen mehr und mehr Schränke, um all die erworbenen „Schätze“ unterzubringen, vielleicht sogar größere Wohnungen und so weiter. 

Das alles benötigt Zeit. Zeit, die wir damit verbringen, uns um Dinge anstatt um Menschen zu kümmern. Gar nicht davon zu sprechen, dass wir keine Zeit mehr haben für weltliches aber vor allem spirituelles Wissen. Jeder von uns achtet sorgsam darauf, nicht ohne Handy aus dem Haus zu gehen. Aber wer von uns hat denn sein Koran oder seine Bibel immer dabei und liest auch regelmäßig darin? Wer von uns klopft mal bei den Nachbarn und fragt, wie es ihm geht anstatt lieber mit den Freunden aus der ganzen Welt zu chatten? 

Zurück zu den Schränken. Wer einmal zu Besuch bei Familien war, die von der sprichwörtlichen Hand in den Mund leben, der fühlt wie unsinnig es ist, 20 Paar Schuhe im Schrank zu haben so wie mindestens 10 Handtaschen. In diesem Zusammenhang kommt mir immer wieder der Spruch „Weniger ist manchmal mehr“ in den Sinn. Abgeben, entrümpeln, ausmisten macht frei; nicht nur das Haus, auch die Seele.  

Bitte nicht falsch verstehen: Das ist kein Aufruf zur Armut, es ist eine Bitte über den eigenen Überfluss nachzudenken. Die Resourcen sind auf dieser Erde definitiv schlecht verteilt. Die große Politik können wir nicht ändern, auch nicht, wenn wir fleißig zur Wahl gehen. Aber wir können bei uns selbst anfangen. Ich habe es gemacht, und es fühlt sich gut an. 

Sokrates sagte einmal, als er über den Markt ging: „Wie viele Dinge gibt es doch, derer ich nicht bedarf.“

Mit dem zufrieden sein, was man hat. Das gilt nicht nur für Materielles, auch für Lebenssituationen. Es tut weh, wenn du in der eigenen Familie siehst, wie jemand mit seinem Schicksal hadert. Besonders, wenn es keinen Weg gibt, es zu ändern. Niemand möchte seine Angehörigen leiden sehen. Oft hilft dann noch nicht mal gutes Zureden. 

Es gab einmal einen weisen Mann, der Vorträge in der ganzen Welt hielt und plötzliche durch einen Schlaganfall an den Rollstuhl gebunden war. Er schrieb in einem Artikel: I am no more a lecturer, a cellist or a golfer. I am a looking-out-of-the-window-man, but I feel nearer to God than any time before. (Ich bin kein Vortragender mehr, kein Cellist oder Golfer. Ich bin ein aus-dem-Fenster-sehender-Mann, aber ich fühle mich Gott näher als jemals zuvor.

Ich wünsche jedem, ob reich oder arm, dass er Überflüssiges abgeben kann und mit dem Schicksal, das Gott ihm gegeben hat, zufrieden ist. Dieser Wunsch richtet sich besonders an die nach Lampedusa Aufbrechenden als auch an die, die sie dann später beherbergen müssen.  

Abu Huraira, radi’allahu anhu, berichtete, dass der Prophet Muhammed, ṣallā llāhu alayhi wa-sallam, sagte: „Das Reichsein versteht sich nicht als der Besitz von vielen Gütern, vielmehr besteht das Reichsein aus der Tugend der Genügsamkeit, die sich der Mensch zu eigen macht .“ (Al-Bukhari, Kapitel: 74, Nummer: 13)

„Entschleunigung“- Fluch oder Segen

Stell dir vor du hast einen Termin am Dienstag um 15 Uhr, und deine Verabredung kommt am Freitag um 17 Uhr.   Ärgerlich, oder?  Im Sinne unserer schnelllebigen Welt bestimmt. Denn alles unterliegt einer gewissen Beschleunigung. Am markantesten ist wohl der Satz „Zeit ist Geld“, um diesen Umstand zu beschreiben. Doch diese Erfahrung muss man nicht überall machen. Noch gibt es Gegenden, die sehr viel entschleunigter leben als wir in Deutschland. 

Ein anderes Beispiel aus Afrika: Letztens bin ich mit meinem Sohn um 14.30 Uhr zum „Shop“ gegangen, um Lebensmittel zu kaufen, doch der „Shop“ war zu. Ein Passant sagte, der „Shopkeeper“ würde sich bis 17 Uhr ausruhen. Mein Sohn (mit deutscher Prägung) sagte darauf hin: „Aber wenn er jetzt schläft, kann er doch kein Geld verdienen!“

Doch warum erzähle ich das alles? Es geht mir heute um Lebensqualität. Zeit für sich selbst und Gespräche mit anderen zu haben, mit dem anderen zu fühlen. Selten habe ich so viel Mitgefühl erlebt, wie in weniger hoch entwickelten Ländern, in denen Krankenbesuche zu wahren Familientreffen ausarten, zu Beerdigungen und Hochzeiten das ganze Dorf kommt, und wenn ein Baby geboren wird, sind sowie so alle da, um das neue Baby zu begrüßen. 

Jetzt werden viele wahrscheinlich sagen, wie kann man den bei so viel Feierlichkeiten und Mitgefühl noch arbeiten? Ja, das ist ein berechtigter Einwand. Vielleicht ist das auch ein Grund für den langsameren Fortschritt und die insgesamt ärmeren Verhältnisse (zumindest in finanzieller Hinsicht) als in den Industrieländern. Aber worauf kommt es denn an im Leben? Geht es um wirtschaftlichen Fortschritt oder um Lebensqualität? Man könnte meinen, dass es auf einem afrikanischen Markt beispielsweise auch nur um das liebe Geld geht, so hektisch der Eindruck dort ist, doch nein, hier und dort ist immer noch Zeit für einen kleinen Plausch, und es wird viel gelacht. 

Gegenseitige private Besuche sind ein Muss. Oft kann man dann seinen Terminen nicht nachkommen und lässt andere warten, aber einen Besucher wieder weg zu schicken, das geht gar nicht. Wohlstand und Fortschritt sehen anders aus. Bei so viel Gelassenheit muss dann schon noch die Frage erlaubt sein, ob sie mit der nötigen Ernsthaftigkeit, ihr Brot verdienen. Sicher wäre bei dem einen oder anderen mehr Seriösität in der Arbeit oder bei ihren Geschäften auch lukrativer für den Geldbeutel. Doch da fängt ein anderes Problem an. Wir als ein NGO, der sich für die Verbesserung der Lebenssituation der Armen einsetzt, stehen dann immer wieder vor dem Problem, gesellschaftlich gewachsene Gewohnheiten ändern zu müssen/wollen, um ihnen mehr finanziellen Rückhalt anzubieten. Eine nicht immer leicht zu lösende Aufgabe für uns. 

So falle ich dann immer wieder beim Hin- und Her-Reisen von einem Kulturschock in den anderen. Ist mein  Aufenthalt in Deutschland von Smartfone-Nutzern um mich herum geprägt, die in Wartezimmern, der U-Bahn, beim Laufen auf der Straße, in Cafés, auf Spielplätzen und überall nur auf ihr Handy geblickt haben und keine verbale Kommunikation mehr stattfindet. Zum Vergleich mit den Krankenhausbesuchen in Afrika, habe ich in Deutschland erlebt, dass Fotos von frisch operierten Kindern noch im Aufwachraum erstmal auf Facebook gepostet wurden. Ob den Kindern das gefällt, wage ich zu bezweifeln. Persönliche Besuche waren aber eher die Ausnahme.  

Oder die Jugendlichen, die keine „echten“ Freunde mehr nach Hause bringen, sondern nur noch vituelle, die dafür aber rund um die Uhr. Diese ständige Erreichbarkeit erzeugt Stress. Wenn sogar Mitarbeiter einer Firma 24 Stunden am Tag ereichbar sein müssen oder wollen, ist die Be-schleunigung wohl auf ihrem Höhepunkt angekommen. Der so erzeugte Druck löst im schlimmsten Fall Krankheiten aus.  

So komme ich mal wieder zu dem Schluss: etwas mehr Be-schleunigung für die einen und etwas mehr Ent-schleunigung für die anderen, könnte beiden Seiten das Leben lebenswerter machen. 

Können Handys ethisch sein?

Also ich gebe ja zu, ich habe auch gerne neue Handys. Aber machen wir uns eigentlich Gedanken wie wertvoll oder schädlich unser Kauf für die Umwelt und die Gesellschaft ist? Achten wir nicht vielmehr darauf, ob das Handy ein schönes Design hat, alle Funktionen erfüllt, die ich erwarte oder gar welches Handy meine beste Freundin hat?

Doch vielleicht könnte man ja auch den einen oder anderen Gedanken daran verschwenden, dass die Rohstoffe für die Herstellung der Handys nur begrenzt verfügbar sind. Und was ist mit den Herstellern? Macht euch doch mal den Spaß und googlet eure Lieblingshersteller. Da wird dem einen vorgeworfen, sie würden die Rohstoffen in Sklavenarbeit abbauen lassen, einem anderen, dass er gegen ein Handelsembargo verstößt, und wieder einem anderen, dass sie in Korruptionsskandale verwickelt sind. Möchten wir so etwas unterstützen? Nicht zu vergessen, aus welchen Ländern die Firmen kommen. Je nachdem wo ihr politisch steht, könnte man ja auch einmal darüber nachdenken, welches Land ich mit meinem Neukauf da eigentlich unterstütze.

Doch was, lieber Leser, ist den jetzt die nachhaltigste Lösung für dieses Problem?

Die nachhaltigste, umweltfreundlichste und politisch korrekteste Lösung wäre wohl kein Handy. Ok, wenn das nicht geht, informiert euch nicht nur über Speicherkapazitäten und Prozessoren, sondern auch über die Firmengeschichte etc. Und, jedes neue Handy erfordert neue Ressourcen. Ein gutes gebrauchtes tut es auch. Und am Ende landen die kostbaren Rohstoffe dann voraussichtlich sowieso im Müll.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet also ganz klar: Ja, der Kauf eines Handy ist eine höchst ethische Angelegenheit.